Mittwoch, 17. Februar 2010

Mittwoch, 17.2.2010


Viele Fotos habe ich heute mitgebracht. Sie sind alle per Mail gekommen. Zuerst schneide ich sie zu, einige Passanten stehen am Fenster und schauen auf meinen Arbeitstisch. Anschließend tüte ich sie ein. Stecke Draht durch und lege sie mir für später auf die Seite. Als ich schließlich vor der Staffelei stehe, betritt ein Besucher den Raum. Er strahlt, als ob er mich kennt. "Ich habe sie in der Zeitung gesehen", sagt er. Ich nicke, am Samstag kam ein Artikel in der Winnender Zeitung. "Und jetzt hab ich mal schauen wollen, was sie so machen. Sie malen mit Acryl?" Es entwickelt sich ein umständliches Gespräch. Manchmal steht der Besucher zwischen mir und meiner Leinwand, als ob er unbedingt jetzt und dringend wahrgenommen werden wollte. Es ist wie ein Tanz. Ich stehe ich ganz nah an der Malfläche um besser zu sehen und er redet mich von der Seite an. Gehe ich zurück um die Wirkung zu sehen, steht er zwischen meiner Arbeit und mir. Er redet und redet von seinen Maltätigkeiten, seinen Ausstellungsbesuchen und seiner vergeudeten Chance ein großer Künstler zu werden. Erst als ich energisch werde hält er ein bisschen Abstand.
Als er geht kommt die nächste Besucherin, auch sie erzählt wie begabt sie sei. Leider kann sie nicht in ihrer Wohnung malen. Es scheint der Tag der vergeudeten Genies zu sein. So geht die Tür an diesem Tag noch ein paar Mal auf und tatsächlich sind es heute vorwiegend Menschen, die sich auch steckenpferdmäßig mit Malerei beschäftigen. Eine fragt, ob ich den keine Karten von den Arbeiten habe. Bei jeder der Begegnungen schwingt ein bisschen Zorn mit, Zorn auf jede persönlich verpasste Gelegenheit. Auch ein bisschen Wehmut und Neid ist dabei. Neid auf mich, die hier so steht und in der Öffentlichkeit etwas tut, das eigentlich ja eine "Liebhaberei" ist. Dass Kunst ein hartes Stück Arbeit ist. Dass die Arbeit ein Kozept erfordert, und Durchhaltevermögen, das sehen diese Menschen nicht. Es ist nicht nur ein bisschen den Pinsel schwingen. Es ist eine existenzielle Haltung. Aber ich muss gestehen, dass ich schon lange auf diese Besuche gewartet habe. Auch diese Menschen haben interessante Geschichten zu erzählen. Und jetzt fällt mir wieder ein was mein Professor immer gesagt hat: "Die Schule macht dich nicht zum Künstler, es ist das Leben."

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